Verfasst am 6. 1. 2015, aktualisiert am 22. 11. 2016.

Wie aus Versalien und Gemeinen eine harmonische Schrift wurde.

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Woher die Buchstaben kommen.

Betrachtet man das westeuropäische Alphabet des 21. Jahrhunderts, so hat man im Grunde genommen zwei verschiedene Alphabete vor sich, denn es handelt sich um eine Mischung zweier. Die Großbuchstaben entstammen den römischen Majuskeln, die Kleinbuchstaben den mittelalterlichen (karolingischen) Minuskeln.

Diese Mischung zweier Systeme ist der Grund, warum beide in den ersten Jahrhunderten wenig miteinander harmonierten. Das war aber auch nicht wichtig, denn die römischen Majuskeln – das was wir heute als Großbuchstaben bezeichnen – wurden dafür verwendet, wichtige Worte hervorzuheben. Namen beispielsweise, aber auch Substantive allgemein. Daraus haben sich später die Regeln der Groß- und Kleinschreibung entwickelt, wie wir sie heute kennen.

Titusbogen in Rom.
Beispiel einer frühen Schriftmischung von Versalien und Gemeinen aus dem Jahr 1465. Die Versalien sind deutlich größer gehalten und betonen deutlich die besondere Wertigkeit eines Wortes.
© Wikipedia.

Das deutliche Hervorheben »besonderer« Worte hat sich über viele Jahre der Anwendung abgeschwächt und relativiert, bedenkt man nur wie viele Worte heute groß geschrieben werden. Die deutsche Rechtschreibung gehört zu den Anführern, was Großbuchstaben betrifft und ist damit auch eine komplexere.

Über viele Jahre kam es schließlich zu einer Abnutzung dieses kontrastreichen Unterschieds der Buchstaben und damit zu einer Angleichung der verschiedenen Systeme. Dazu muss natürlich angemerkt werden, dass je nach Schriftart und Gestaltungswillen des Schriftschöpfers zu jeder Zeit Schriften mit verschiedenen Proportionen entstehen können. Gemeint ist hier aber der Zeitgeist, der dazu veranlasst, im 21. Jahrhundert allgemein Schriften mit eher kleineren Versalien zu schaffen als früher.

Inzwischen gibt es sogar experimentelle Schriften, die sich um eine Vermischung von Versalien und Gemeinen bemüht haben, in dem beide Schriftsysteme die gleiche Höhe erhalten haben. Beispiel hierfür ist die Disturbance, welche lediglich einige Ober- und Unterlängen aufweist.

Ein Schriftzug der karolingischen Minuskel. © Wikipedia.

Abbildung:

Eine Widmungsinschrift in römischen Majuskeln auf dem Titusbogen in Rom. © Wikipedia.

Abbildung:
Abbildung: Die Proportionen der klassischen Schrift Didot. Das Verhältnis von Mittellänge zu Oberlänge beträgt 60:40. Das bedeutet, dass beide fast gleich groß sind. Versalien sind also fast doppelt so groß wie Gemeine.

Die Proportionen der klassischen Didot. Das Verhältnis von Mittellänge zu Oberlänge beträgt 60:40.

Abbildung: Die Proportionen der zeitgenössischem Schrift National. Das Verhältnis von Mittellänge zu Oberlänge beträgt 78:22. Das bedeutet, dass die Oberlänge nur ein Viertel der Höhe der Mittellänge beträgt. Versalien sind also nur ein weniges größer als Gemeine.

Die Proportionen der zeitgenössischem National. Das Verhältnis von Mittellänge zu Oberlänge beträgt 78:22.

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Was bedeutet diese Entwicklung für Gestalter?

Alte und neue Schriftproportionen

Bei älteren Schriften ist zu sehen, dass sich Versalen (Großbuchstaben) und Gemeine (Kleinbuchstaben) in ihren Proportionen deutlich voneinander unterscheiden. Dazu kommt, dass Gemeine oft etwas dünner geschnitten wurden. Dies ist darin begründet, dass die kleineren Buchstaben im klassischen Buchdruck schwärzer wurden als die größeren und damit fetter wirkten. Man versuchte diese Wirkung damit auszugleichen, dass man die kleinen Buchstaben etwas dünner schnitt.

Bei neueren Schriften hingegen ist zu beobachten, dass sich Versalen und Gemeine deutlich angenähert haben. Beide weisen nun gleiche Strichstärken auf und haben harmonische Proportionen, sodass Versalien und Gemeine gut zueinander passen. Oft überragen Gemeine in ihrer Oberlänge die Höhe der Versalien, was zu einer optischen Gleichmäßigkeit der Buchstaben führt. Das Satzbild wirkt geschlossener und harmonischer.

Typografie für Profis

Gute Setzer hatten früher Versalsatz leicht gesperrt und verkleinert (letzteres ist erst seit dem Desktop-Publishing möglich), um sie besser in den Satz und dessen Grauwirkung anzugleichen. Dies ist nun bei neueren Schriften mit modernen Proportionen nicht mehr nötig.

Wir können daher diese alte Regel fallen lassen, so lange wir mit Schriftarten arbeiten, die zeitgenössische Proportionen aufweisen, denn sie gilt nur für ältere Schriftarten. Typografie wird also einfacher und schöner zugleich. Und das ist gut so.

Satz in der klassischen Times. Die Versalien sind groß gehalten und fallen auf.

Abbildung: Satz in der klassischen Times. Die Versalien sind groß gehalten und fallen spätestens dort auf, wo sie direkt aufeinander folgen. Bei den Worten »Böses« und »Hund« entsteht ein Ungleichgewicht.

Satz in der klassischen Times. Die Versalien wurden verkleinert, gesperrt und integrieren sich nun besser.

Abbildung: Werden bei einer Schrift mit klassischem Proportionen wie der Times aufeinanderfolgende Versalien leicht verkleinert und gesperrt, integrieren sie sich besser in das Satzbild. Keine Sorge, so etwas ist mit InDesign-GREP zu automatisieren.

Satz in der zeitgenössischen National. Die Versalien integrieren sich in den Text und fallen nicht störend auf. Hier haben wir ein einziges harmonisches Alphabet vorliegen.

Abbildung: Satz in der zeitgenössischem National. Die Versalien sind deutlich kleiner gehalten und fallen dort, wo sie direkt aufeinander folgen, nicht weiter auf. Bei den Worten »Böses« und »Hund« wirken sie gut integriert.

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Eine weitere Möglichkeit zur Schriftklassifikation.

Es gibt nun bereits einige verschiedene Systeme, um Schriften zu klassifizieren. Am bekanntesten ist wohl die Klassifikation nach DIN 16518, welche von einer westeuropäischen Betrachtung ausgehend 11 verschiedene Gruppen aufzeigt. Eventuell etwas weniger bekannt ist die Schriftklassifikation nach Indra Kupferschmid, welche nach den geometrischen Formen versursacht durch das Schreibwerkzeug und den daraus resultierenden Kontrasten in den Strichstärken geht.

Klassifikation nach Proportion

Eine weitere Möglichkeit Schriften zu klassifizieren, wäre nun, nach Proportionen der Oberlänge und Mittellänge zu unterscheiden. Demnach könnte eine Schrift mit klassischen Proportionen wie die bereits genannte Times zu einer Gruppe »Klassische Proportionen: Oberlänge größer als 140% der Mittellänge« gehören, eine Schrift mit moderneren Proportionen wie die National zu einer Gruppe »Moderne Proportionen: Oberlänge kleiner als 140% der Mittellänge«.

Diese Klassifikation hilft natürlich wenig, die unzählbaren Bestände vorhandener Schriften zu gliedern und übersichtlich zu ordnen. Es könnte aber helfen, zu entscheiden, welche Schrift für moderne zeitgemäße Gestaltung gewählt werden kann und welche Schrift für Satz, der eher klassisch erscheinen soll.

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